Hoyerswerda: Kirchenkreis, Kirchengeschichte, Kirchenarchiv (Michael Peter Schadow)

Für Eilige

Im Rahmen eines Projektes wurde nun mit Unterstützung des Evangelischen Landeskirchlichen Archivs in Berlin (ELAB) und des Evangelischen Kirchenkreises Schlesische Oberlausitz der Archivbestand des ehemaligen Kirchenkreises Hoyerswerda erschlossen. Er umfasst die Zeit von 1939-2016. Zur Erläuterung der Bedeutung bzw. zur historischen Verortung dieses Bestandes soll nachfolgender Artikel dienen. 

Vorhaben: Erschließungsprojekt zum Archivbestand des ehemaligen Ev. Kirchenkreises Hoyerswerda (Gesamtlaufzeit des Bestandes: 1939-216)

Umfang: 256 Verzeichnungseinheiten mit einem Gesamtumfang von 7,5 laufenden Metern

Hier der Link zu den Datensätzen sowie dem Findbuch im PDF-Format mit ausführlichen Hinweisen.

Woran denken Sie heute, im Jahr 2022, beim Stadtnamen »Hoyerswerda«? Welche Assoziationen zeitigt das (kulturelle) Gedächtnis, das immer auch eine soziale Dimension besitzt, beim Klang dieses Namens? Stichworte wie »Sozialismus«, »Braunkohle«, »Tagebau«, »Wohnkomplex«, »Plattenbau«, »Lausitz«, »Ausländerfeindlichkeit«, »Pogrom«, »Rechtsextremismus«, »demografischer Wandel« und viele mehr werden Ihnen wahrscheinlich in den Sinn geraten. Hinter jedem dieser Begriffe steht ein semantisches Register, verbergen sich Ereignisse, Strukturen und historische Entwicklungen. 

Der Hintergrund

Jenseits dieses zeitgeschichtlichen Erinnerungszusammenhangs, der jüngst durch den Roman von Grit Lemke (»Kinder von Hoy«, Suhrkamp Verlag 2021) bzw. durch das offizielle Gedenken der Stadt an das ausländerfeindliche Pogrom von 1991 aufgerufen wurde, schlummert jedoch noch vieles mehr, was es in historischer Perspektive zu entdecken gibt. Jenseits des oben angedeuteten und eindimensional-verzerrten Bildes warten die Geschichte einer Stadt, einer ganzen Region auf ihre Erkundung. Diese Geschichte reicht bis in das Mittelalter zurück. Bekannt ist die Errichtung einer Wasserburg durch den Grafen Hoyer von Vredeberg im 13. Jahrhundert auf einer Insel in der Schwarzen Elster, einem sog. »Werder«. 

Politische Entwicklungen, Grenzen und Räume, Wirtschaft und Sozialstruktur sowie freilich auch die sorbisch/wendische Kultur – all das und Etliches mehr spielt bei der Betrachtung insbesondere jener Jahrhunderte bis um 1850 eine große Rolle. Mit dem Einzug der Frühindustrialisierung in das Gebiet um Hoyerswerda zu dieser Zeit beginnt der Braunkohleabbau. Er verändert vieles. Aber: Erst dann, erst nach vielen Jahrhunderten des Bestehens und der Entwicklung dieser Stadt und Region, setzt nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR jener schrankenlose Braunkohlebergbau ein, dessen Folgen sich bis auf den heutigen Tag tief in das Gesicht der Region eingeprägt haben: Fabriken, Kraftwerke, Tagebaue, Abraumhalden und große Plattenbausiedlungen für die Arbeitskräfte – in Hoyerswerda als sog. »Wohnkomplexe« bezeichnet – haben ihre Spuren hinterlassen. Heute, in Zeiten des forcierten Strukturwandels, sind sie materielle Zeugnisse der Deindustrialisierung, Hinterlassenschaften vergangener Tage. 

Die Kirchengeschichte Hoyerswerdas bildet wiederum ein eigenes Kapitel. Wir lassen Sie mit dem Jahr 1540, präziser mit dem 25. Juni 1540, beginnen. An diesem Tag, der Johannes dem Täufer gewidmet ist, hält – der Überlieferung nach – die reformatorische Lehre Einzug in die kleine, nahe dem Markt und dem Schloss gelegene Pfarrkirche. Basileus Laurentius, ehemaliger Mönch und Anhänger Martin Luthers, predigte an diesem Tag in Hoyerswerda nach dem neuen, sich allmählich verfestigenden Bekenntnis. Und wahrscheinlich predigte er nicht auf Deutsch, ganz zu schweigen vom Kirchenlatein des römisch-katholisch geprägten Mittelalters. Er predigte in der Sprache des Volkes, und das war hier die sorbisch/wendische Sprache. 

Freilich gibt es eine Geschichte vor dieser Geschichte, gibt es Kirche und Pfarrstelle an diesem Ort vor dem Auftreten des Basileus bereits seit etwa 2 Jahrhunderten. Aus diesen katholischen Säkula ist jedoch weniger bekannt (vgl. hierzu chronik.kirche-hy.de), so dass für die Kirchengeschichte Hoyerswerdas die Zäsur des Johannestages 1540 Sinn stiftet.

Eine regionalhistorische Zäsur, die für die evangelische Kirchengemeinde in Hoyerswerda nichts weniger als den Beginn der Nachkriegszeit darstellt, bildet das Erntedankfest im Jahr 1957. Während eines feierlichen Gottesdienstes am 6. Oktober 1957 erfolgt durch Bischof Dr. Ernst Hornig (1894-1976) die feierliche Wiedereinweihung der von schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg gezeichneten und hierauf wieder aufgebauten Pfarrkirche. Als Reminiszenz und Zeichen der Erinnerung an den ersten evangelischen Gottesdienst am Johannestag des Jahres 1540 wird die Kirche in Hoyerswerda fortan als »Johanneskirche«, die hiesige Gemeinde als »Johanneskirchengemeinde« bezeichnet. Diese Namensgebung macht indes Sinn, denn seit dem 1. Januar 1966 gibt es in der damals prosperierenden Plattenbau-Stadt, jenseits der Schwarzen Elster eine zweite evangelische Kirchengemeinde: »Hoyerswerda-Neustadt«. Ihr Zentrum ist bis heute das nach dem amerikanischen Bürgerrechtler benannte »Martin-Luther-King-Haus«. 

Eine weitere historische Entwicklungslinie, die weit über die Stadt Hoyerswerda und ihre Kirchengeschichte hinausweist, ist auf die Französische Revolution (1789ff.) zurückzuführen. Bekanntlich prägte Napoleon infolge dieser großen Umwälzung die Geschicke der europäischen Geschichte maßgeblich. In zahlreichen Kriegen führte er seine Truppen, die »Grande Armée«, über den gesamten Kontinent und sprengte somit die alte europäische Staatenordnung aus ihrem fest gefügten Rahmen der angestammten Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser, der Territorial- und Partikularmächte. Diese territoriale und machtpolitische Neuordnung Europas hatte Folgen. Und diese zeigten sich gravierend auch in der Lausitz: Nach dem militärischen Zusammenbruch der »Grande Armée«, nach Gefangennahme und Verbannung ihres Kaisers und obersten Feldherren Napoleon, dem »Empereur«, galt es die europäischen Verhältnisse zu ordnen. Das war die Aufgabe des Wiener Kongresses. Er tagte und »tanzte« (nach einem zeitgenössischen Bonmot) von 1814 bis 1815 und traf für die Lausitz eine folgenreiche Entscheidung. Da das Königreich Sachsen mit Napoleon verbündet gewesen war und somit zu den Truppenstellern seiner Feldzüge zählte, beschlossen die am Kongress beteiligten Mächte die Abtretung umfangreicher sächsischer Gebiete an Preußen. Zu diesen Gebieten gehörte auch ein Teil der Oberlausitz, darunter – Sie ahnen es bereits – auch die Stadt Hoyerswerda. 1825 wird Hoyerswerda als Kreisstadt in die preußische Provinz Schlesien bzw. deren Regierungsbezirk Liegnitz eingegliedert, was kirchengeschichtlich bis heute nachwirkt: Hoyerswerda war nun zur »Ephoralstadt«, d.h. zum Sitz eines evangelischen Kirchenkreises geworden und der ehedem als »Pastor Primarius« bezeichnete Stadtprediger und Inhaber der 1. Pfarrstelle des Ortes war nun Superintendent.

Leider ist aus dieser Phase des Ev. Kirchenkreises Hoyerswerda, von 1825 bis 1945, im jetzt grundlegend erschlossenen Archivbestand nahezu nichts überliefert. Zu heftig waren die Zerstörungen, die der Zweite Weltkrieg in die Stadt brachte. Sie betrafen auch Kirchengebäude und Kirchenarchiv. So beginnt die Kernüberlieferung des Kirchenkreises um die Mitte des Jahres 1945 und endet im Jahr 2014 mit der Fusion zum Ev. Kirchenkreis Schlesische Oberlausitz. Die nun erschlossenen 256 Verzeichnungseinheiten bilden ein wichtiges zeitgeschichtliches Reservoir an historischen Quellen. 

Weiterführende Informationen erhalten Sie unter dem Link zu den Datensätzen bzw. im dort hinterlegten Findbuch im PDF-Format.

Michael Peter Schadow

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