Aus dem Lagerbuch der evangelischen Kirchengemeinde Lauta-Dorf (Michael Peter Schadow)

Ein kirchliches Lagerbuch ist ein – in historischer Perspektive zumeist handschriftliche geführtes – Verzeichnis der Vermögenswerte einer Kirchengemeinde. Insbesondere werden Grundstücks- und Immobilienangelegenheiten ein einem solchen Lagerbuch erfasst. Oftmals finden sich darin aber auch Notizen, die die Geschichte des entsprechenden Amtsbezirks (der Parochie) bzw. der Gemeinde erfassen. So auch im Lagerbuch der evangelischen Kirchengemeinde Lauta(-Dorf). Angefertigt ab 1887ff. durch Hugo Kamrath, von 1887-1918 Pfarrer in Lauta, gibt es Auskunft über Geschichte und Bedeutung der Kirche in Lauta-Dorf und ihre Laurentiusglocke.

Interessant sind auch die damalige Anzahl der Gemeindeglieder (2900 Seelen um 1900) sowie die skizzierten Territorial- und Regierungsverhältnisse: Lauta war demnach dem Regierungsbezirk Frankfurt/Oder (preußische Provinz Brandenburg) zugeordnet. Leippe, Torno, Johannisthal und Hosena dem Regierungsbezirk Liegnitz, was auf eine Zugehörigkeit zur niederschlesischen Oberlausitz hindeutet.

Lesen Sie selbst:

Geschichtliche Notizen betreffend die Kirchengemeinde: Der hiesigen Kirchenchronik des weiland Pastors Richter zufolge, die für die folgende kurze Darstellung zu Grunde gelegt ist, lassen sich für die Lokalgeschichte der hiesigen Parochie ff. Notizen aufnehmen:
Die Zeit nach dem ersten Jahrtausend nach Christo mochte einen großen Wendepunkt bezeichnen. Hatte die hiesige Gegend, die lauter Wald sein mochte, vielleicht von frühester Zeit an auf dem Koschenberg, einen heidnisch deutschen Götzen gehabt, der nach Einwanderung der slawischen Bevölkerung wohl einer heidnisch-wendischen Gottheit Platz machte, so konnte nun, als das Christentum um jene Zeit auch nach den hiesigen Regionen sich immer mehr vordrang, dasselbe nicht ohne Einfluß für sie sein. Nach dem südlichen Teil unterhalb des Koschenberges zogen sich die Anhänger des heidnisch-wendischen Cultus zurück, um hier ungefährdeter ihren heidnischen Bräuchen in der Verehrung ihrer Gottheit obliegen zu können und bildeten so ein kleines Völkchen, das sich nur in dem Namen Lauta, Luta (Wuta), d.i. die Ludke (kleines Völkchen) forterhalten hat. Doch nach einiger Zeit wird auch dieser Rest der Allgewalt des Christentums gewichen sein, und an Stelle seiner heidnischen Cultusstätten erhoben sich christliche Altäre und Stätten der Andacht. So mag die Kapelle auf dem Koschenberg in die ferne Zeit dieser Wandlungen zurückgezeigt haben. Ihre Grundmauern waren noch bis zu[m] Anfang des 19. Jahrhunderts nach Chr. zu sehen. Aber bald nach Aufnahme des Christentums wird auch für die Bewohner der Niederung [?] das Kirchlein in Laute (a) entstanden sein, das sich bald zur Pfarrkirche entwickelte.
Über die pfarrherrlichen und parochialen Verhältnisse schreibt dieselbe Chronik, daß sie von früh an geordnet vorgefunden worden sind.
Nachdem dieselbe Chronik die Zerstörung der Capelle auf dem Koschenberg 1633 im Kriege durch die Croaten, der Anzündung des Pfarrhauses in Lauta 1641 durch die Schweden, wodurch dasselbe ein Raub der Flammen wurde, gedacht hat, wird eine Übersicht über das Wirken der Männer, die der Gemeinde in der pfarramtlichen Stellung vorstanden, von der frühesten Zeit, soweit in dieselbe geschichtliche Angaben zurückreichten, (von 1641, Michael Fabra) bis zu dem Chronikschreiber, je mehr zu der Zeit des letzteren (welcher 1828 in das Pfarramt trat) hinauf, in desto ausführlicher Weise gegeben.
Beklagt wird in der Chronik, daß der Brand des Pfarrhauses mit daran schuld ist, daß viele wichtige Documente verloren gegangen sind. Diesem Verluste ist wohl zuzuschreiben, daß es den verschiedenen Nachfragen des diese Zeilen (1904) niederschreibenden Pfarrers nicht gelungen ist, über den Namen und [die] Bedeutung des in der einen Windnische neben dem Altar auf einem Klotz sitzenden [und] von Blutstriemen überlaufenem Martyrers irgend etwas in Erfahrung zu bringen, sowie darüber, wem zu Ehren diese Kirche ursprünglich benannt gewesen ist. Nach einer hier im Orte vorhandenen mündlichen Ueberlieferung hat es, wie sich die Alten erinnern konnten, bei Spohla in der Nähe Hoyerswerdas einen Weg oder Steg gegeben, der als Kirchweg nach Lauta bezeichnet war, worauf diese Kirche in weiterer Umgebung eine größeres Ansehen, vielleicht als Wallfahrtskirche, genoß. Mit Recht wurde dem 1887 das Pfarramt in Lauta antretenden Geistlichen geklagt, daß das bis dahin erhalten gewesene katholische Meßgewand von dem Vorgänger verkauft worden war (s[iehe] auch das Kirchenratsprotokoll vom 11. April 1887). Die kleinere der beiden Glocken in dem […] sich vor der Kirche befindenden Glockenhause, die auf ihrem Mantel ein Bild des […] Laurentius mit dem Rost und eine Inschrift (vermutlich auch Jahresangabe, deren Feststellung »1512« noch nicht mit Sicherheit gelungen ist) enthält, scheint seiner Zeit von der Laurentius-Capelle auf dem Koschenberg übernommen worden zu sein. An der Rückseite des Altars der Kirche findet sich die [folgende] Inschrift angebracht:

»Anno 1652 ist diese Kirche von neuem gebaut worden. Ihre Churfürstl[iche] Durchlaucht zu Sachsen Johann Georg I hat 3 Schock Holz aus der Hoyerswerdschen Haide dazu verehrt. Gott behüte diese Kirche und Altar [vor] Krieg und auch Feuersgefahr.«

Für die neuere Entwicklung in den Parochial-Verhältnissen ist erwähnenswert die Umpfarrung der Evangelischen des Orts Gr. Koschen mit dem aus der Kirchfahrt Senftenberg ausgeschiedenen Kl. Koschen zu einer selbständigen Tochtergemeinde in der Parochie Lauta nach der im Jahre 1882 erfolgten Vollendung des Baues der Kirche in Groß-Koschen. Ferner haben noch Mitte des vorigen Jahrhunderts eigene Kirchhöfe erhalten: Gr. Koschen 1866, Leippe circa 1880.

Soweit die obige Kirchenbuchschronik Auskunft gibt, haben bis zu Pastor Richter das hiesige Pfarramt verwaltet: […].

Leider haben die Bemühungen des Pfarrers um Feststellung der Küster […] an hiesiger Kirche noch nicht genug Material ergeben, daß sich ihre Aufzeichnung verlohnte, und und muß dieselbe einer Zeit überlassen bleiben, wo es gelungen ist, die Ermittlungen in dieser Sache zu einem befriedigenden Abschluß zu bringen.

Die Verhandlungen über die Ausscheidung (Auspfarrung) Hosenas aus hiesiger brandenb[urgischen] Kirchengemeinde und die Zugehörigkeit zu hiesigem brandenb[urgischen] Pfarramte sind seit Jahren im Gange. (Diese Auspfarrung ist mit dem 1. Mai 1908 in Kraft getreten.)

Quelle: Archiv des Ev. Pfarramtes Lauta-Dorf: Lagerbuch der Kirchengemeinde Lauta-Dorf (ELAB 32106/1, Sign. 310).

Literatur: Hauth, Uwe: Die Entstehung und Entwicklung des Lagerbuchwesens in der
Evangelischen Kirche im Rheinland ab dem 19. Jahrhundert. Bedeutung als Verwaltungshilfsmittel und archivische Quelle, 2010 (Diplomarbeit FH Potsdam), abrufbar unter: https://opus4.kobv.de/opus4-fhpotsdam/frontdoor/index/index/docId/91 (Zugriff 20.11.2020).

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