„Ein Betsaal stand uns zu, aber eine Kirche sollte es werden“ – Über die Anfänge der Kirchengemeinde Lautawerk (Michael Peter Schadow)

von zeitenleser

Hier ein Artikel von Pfarrer Fritz Müller (1889-1942) aus einer alten Kirchenzeitung. Der Artikel ist wahrscheinlich gegen Ende der 1920er Jahre entstanden. Es geht um den Aufbau der Gemeinde Lautawerk, um die schwierige soziale Lage in Stadt und Kirchengemeinde und natürlich um den Aufbau der evangelischen Stadtkirche. Aber lesen Sie selbst:


Ein Neubruch

Von Pastor Müller – Lautawerk 

Evangelium und soziale Frage, Marxismus und Christentum, Industriebevölkerung und Kirche – die Auseinandersetzungen über diese Dinge beherrschen Tagungen wie kirchliche Presse. Daß wir den Mut zur Oeffentlichkeit haben, ist hocherfreulich. Aber die Hauptsache bleibt es, daß in den einzelnen Gemeinden zur Tat wird, was wir beraten und beschließen. Da stehen, die zu Führern berufen sind, vor der schwersten Aufgabe. Man könnte darüber verzweifeln, wenn nicht zuweilen Gott selbst den Beweis lieferte, daß auch auf diesem schwierigen Boden ein Neubruch möglich ist. Hier ein Beispiel. (…)

Pfarrer Fritz Müller (Foto; Archiv Pfarramt Lauta-Dorf)

Lautawerk ist erst wenige Jahre alt. 1917 wurde hier in unmittelbarer Verbindung mit dem Senftenberger Braunkohlengebiet der Bau eines großen Aluminiumwerkes begonnen, das allein in Deutschland die gesamte Herstellung vom Rohstoff Bauxit bis zum Reinmetall an einem Orte leistet. Zu ihm gehört ein Großkraftwerk, das mit seinem auf 110 000 Volt gespannten Strom Berlin und den Freistaat Sachsen mitversorgt. Bereits Ende 1918 konnte der Betrieb aufgenommen werden.

            Die Belegschaft besteht aus etwa 2500 Arbeitern und Angestellten, die aus allen Gegenden Deutschlands hierher zusammengeströmt sind. Ihre erste Unterbringung in Holzbaracken war kläglich. Fast alle mußten sie doppelten Haushalt führen. Noch in der Zeit des Kapp-Putsches galten die Lautawerker als der Schrecken der Lausitz. Die Anstrengungen des Werkes, durch eine Siedlung Unterkunft für die Familien zu schaffen und seßhafte Arbeiter hierher zu ziehen, waren zeitweise groß, und haben doch noch immer nicht vermocht, schlimmste Uebelstände zu beheben.

            Mehr als 5500 evangelische Werksangehörige wohnen jetzt hier. Alle heimatlos geworden, suchen sie in Lautawerk eine neue Heimat. Getrennt von aller Ueberlieferung bilden sie den Gegenstand der kirchlichen Arbeit.

            So jedenfalls sah es ursprünglich aus. Aber die Erfahrung hat uns dessen belehrt, daß weit darüber hinaus die Träger der kirchlichen Arbeit in ihrer Mitte sich fanden. Als im Mai 1919 hier die Hilfspredigerstelle eröffnet wurde, stand uns für unsere Gottesdienste eine trostlose Baracke zur Verfügung. Der niedrige, kahle Raum, mit lehnenlosen, wackligen Bänken angefüllt, hätte gut 400 Menschen Raum geboten. Schlichtheit kann ihre Würde in sich tragen. Hier aber war alles häßlich, selbst der Altar, der als einziges kirchliches Stück aus einer marmorfarben gestrichenen Holzkommode mit einem altersschwach nach hinten gelehnten Aufbau bestand, den der katholische Pfarrer sinnreich neben dem Herzjesubilde mit billigen Oeldrucken der Apostel Petrus und Paulus „geschmückt“ hatte. Denn hier mußten beide Bekenntnisse zu stets wechselnden Zeiten ihre Gottesdienste feiern. Wer da zu uns kam, suchte keinen ästhetischen Genuß, sondern Gottes Wort und seine Gemeinde. Der Spott der in den Wohnbaracken eng zusammengedrängten Arbeitsgenossen verfolgte ihn nicht nur am Sonntag, er ließ auch bei der Arbeit des Alltages nie nach. Es waren wenige, die damals kamen, oft genug nur ihrer drei. Aber ihre Zahl wuchs doch allmählich. Nie haben wir wegen mangelnder Beteiligung den Gottesdienst ausfallen lassen müssen.

            Das Amt wird unter der Industriebevölkerung immer unter dem Argwohn leiden: „Der redet so, weil er dafür bezahlt wird.“ Aber ohne zu wissen, was Volksmission heißt, nahm unser „Vater König“ die Verteilung der Sonntagsblätter in die Hand. Er trägt sie noch heute in viele Familien, in manche Baracke und sammelt daneben für den Pfennigverein in Bethel. Einen Kesselmaurer haben wir hier, einen schlichten, aus der Ostmark vertriebenen Mann. Der ist allem Terror zum Trotz der einzige christlich organisierte Arbeiter auf dem ganzen Werk. Jeder, der in diesen Zeiten hier zur Kirche sich bekannte, weiß, was es heißt, um Christi Namen willen Schmack zu leiden. Aber sie waren doch auch Sauerteig unter den entkirchlichten Massen.

            Es wuchs die Sehnsucht nach geordneten kirchlichen Verhältnissen. Aus dem preußischen Ansiedelungsgesetz waren dem Werke als Siedlungsunternehmer Pflichten gegenüber der Kirche erwachsen. Aber es suchte sich ihnen mit allen Mitteln zu entziehen. „Zweck des Unternehmens ist die Erzielung des Gewinnes. Darum lehnen wir unproduktive Ausgaben für die Kirche ab.“ Das war die rein materialistische Einstellung, die doppelt schmerzte, da das Werk Reichsbesitz ist. Die Mühen des jahrelangen Kampfes lagen bei den kirchlichen Behörden und bei dem Hilfsprediger. Aber zum Erfolge hat es doch auch beigetragen, daß einmal aus der Mitte der Belegschaft eine Arbeiterabordnung mit etwa 1000 Unterschriften meist männlicher Arbeiter an den Evangelischen Oberkirchenrat nach Berlin gesandt wurde, die um die Errichtung der eigenen Kirchengemeinde und den Bau der Kirche baten.

            Die schlimmste Zeit war das Jahr 1925. Das Werk hatte sich seiner Verpflichtung zu Gehaltsleistungen an die hier benötigten Kirchenbeamten entledigen können. Es hatte die Besoldung für den Hilfsprediger und den Kantor eingestellt, und die in der Geldentwertungszeit über den festgesetzten Papiermarkbetrag geleisteten Vorschüsse zurückverlangt. Wenn die kirchliche Arbeit einmal zu Erliegen kam, war kaum daran zu denken, sie jemals wieder aufzunehmen und im nötigen Umfang durchzuführen.

            Was sollten wir mit unseren Gottesdiensten beginnen, wenn der Kantor aus dem entfernten Dorfe nicht mehr zu uns kam? In der Diaspora mag es zur Not ohne Begleitung des Gemeindegesanges gehen. Wir mußten fürchten, daß mancher zurückgehalten wurde, der selbst die Überwachung der Kirchgänger durch die Werkspolizei nicht scheute. Ein halbes Jahr lang half uns unser Kantor ohne jede Entschädigung. Dann machte Krankheit auch seinem guten Willen ein Ende. Hier hatte wir zehn Volksschullehrer. Sie waren aber ganz unkirchlich. Selbst unsere Bitte, vorhandene Notenbücher für einen Gottesdienst zu leihen, wurde uns abgeschlagen. So mußten Gemeindemitglieder helfen. Ein Direktor des Werkes machte den Anfang. Vielfache dienstliche Abwesenheit von Lautawerk hinderte ihn, es oft zu tun. Ein Regierungsbaurat löste ihn am folgenden Sonntag ab. Gleich vielen anderen hatte auch ihn der unwürdige Raum von unseren Gottesdiensten ferngehalten. Aber nach der Kirche erbot er sich freiwillig für das nächste Mal, als er hörte, daß wir noch niemand hatten. Dann ließ er mich durch den Kirchendiener bitten, es öfter tun zu dürfen. Er kam dann jeden Freitag und holte sich die Lieder, bis er Anfang 1924 das Werk verließ. Am Neujahrstag reiste er erst am Mittag ab, um vorher noch seines Organistenamtes zu walten. Da sagte er mir: „So sehr ich mich auf meine neue Stellung freue, eines werde ich immer vermissen: daß ich nicht jeden Sonntag im Gottesdienst mehr spielen darf!“ Seitdem haben sich bis auf diesen Tag immer Gemeindemitglieder gefunden, die ohne Entschädigung das Harmonium spielten, vom Direktor an bis zum Arbeiter gleicherweise.

            Wenn der Kampf um die Leistungspflicht des Werkes doch noch günstig endete, so hat die Gemeinde dadurch dazu beigetragen, daß sie in der Notzeit ihren Hilfsprediger nicht verließ. Oft haben wir, nur auf die beim besten Willen kärglichen Beihilfen der Behörde zum Hilfspredigergehalt angewiesen, keinen Bissen Brot und keinen Pfennig Geld mehr in unserem Hause gehabt. Aber ohne, daß wir sie je darum gebeten hätten, brachten unsere Arbeiter Fleisch, Brot und Geld, daß wir nie Mangel gelitten haben. Sie waren sich wohl nie über die Tragweite ihrer Hilfe klar, aber sie haben es allein ermöglicht, daß die Arbeit nicht stockte. Im Frühjahr 1924 war das Werk zum Vergleich gezwungen.

            Am 18. Juni 1924 konnten wir in Gegenwart des Herrn Generalsuperintendenten der Neumark und Niederlausitz den Grundstein unseres Gotteshauses legen. Ein Betsaal stand uns zu, aber eine Kirche sollte es werden. Dazu mußte die Gemeinde helfen. Industrielöhne nach der Inflationszeit sind gering. Geld konnten wir nicht viel aufbringen. Aber die Kosten des Baues konnten wir durch freiwillige Hilfe mindern. Die Gemeinde hat es nach Kräften getan. Die Facharbeiter beim Bau ließen sich nicht ersetzen. Doch ein Maurer hat seine Arbeitszeit im Werk von 6-2 Uhr legen lassen, um von 2-6 dann an der Kirche mauern zu können. Ein Schlossermeister hat den ganzen wertvollen Türbeschlag in unberechneten Arbeitsstunden gefertigt. Der Glaser hatte sich erboten, alle Glaserarbeiten umsonst auszuführen nach Schluß seiner Schicht. Darüber hinaus hat er uns wertvolle Bilder geschenkt. Er war es auch, der außerhalb der Arbeitszeit mit freiwilligen Helfern jeden Dachziegel an seinen Platz gebracht hat. Das Heranschaffen der Baustoffe ist großenteils durch die Gemeindeglieder, soweit sie schichtfrei waren, erfolgt. Da hat das gute Beispiel manchen ermutigt. Ganz im Anfang mußten wir vom Bahnanschluß ein Feldbahngleis strecken. Die Schienen waren weither zu holen. Ein Dissident stand dabei und spottete eine gute Zeit über die, die sich um der Kirche willen quälten. Dann zog er seine Jacke aus und half selbst mit.

            Der Eifer der Gemeinde griff auf alle Bauleute über. Unsere Maurer haben im Taglohn das Dreifache des Normalen geleistet. Ueber Erwarten wuchs der Bau, vom Wetter begünstigt. Am 1. Dezember durften wir die in Lauchhammer gegossenen Glocken feierlich einholen. Da gab es nur noch einen Wunsch: wenn wir doch weihnachten in unserer Kirche feiern könnten! Gewiß ist mancher Arbeiter heute schon wieder froh, wenn er einmal Ueberstunden machen darf. Aber was unsere Bauleute geleistet haben, ging weit darüber hinaus. Ein Beispiel möge genügen: Unsere Malerhaben lange Zeit um sechs Uhr morgens begonnen und täglich bis zwölf Uhr, ja bis zwei Uhr nachts durchgearbeitet, das Gotteshaus rechtzeitig zu vollenden. Wie groß die Freude an diesem Kirchbau war, kann man daraus erkennen, daß unsere Tischler im Inneren der Kanzel ein Schriftstück eingefügt haben, das all die Namen derer enthält, die daran mitgearbeitet haben.

            Nach einer Bauzeit von wenig mehr als einem halben Jahre konnte am 4. Advent der Generalsuperintendent die Kirche weihen. Sie ist ein Meisterwerk des hiesigen Architekten Klemens Simon. Für etwa 500 Sitzplätze bietet sie Raum. Ihr Turm, mit seinem goldenen Kreuz, beherrscht die Siedlung. Jetzt läuten hier endlich die Glocken, die der in ihrem Werte richtig schätzen kann, der wie wir Jahre hindurch nur den Lärm des großen Werkes Sonntag wie Alltag kennt.

            Vor kurzen waren wir froh, wenn vierzig Erwachsene unseren Gottesdienst besuchten. Jetzt beseht allein unser Kirchenchor unter der ausgezeichneten Leitung eines früheren Gießermeisters aus 45 Mitgliedern.

            Eigene Kirchengemeinde sind wir auch seit dem 1. Mai 1924. Trotz aller durch den Beamtenabbau geschaffenen Schwierigkeiten hat unsere Kirchenbehörde die Hindernisse der zuständigen preußischen Ministerien überwunden. Voller Zuversicht sehen wir der Zukunft entgegen. Nicht Menschenkraft hat schaffen können, was wir erreichten. Gott hat unsere Pläne oft durchkreuzt und dann doch alles über Bitten und Verstehen uns zuteil werden lassen. Wir haben es erfahren dürfen, daß auch in unserer Industriebevölkerung noch kirchliche Kräfte vorhanden sind. Gott wolle sie für den inneren Aufbau der Gemeinde eben so reich wirksam werden lassen wie für ihren äußeren.