Straßennamen von Lauta Nord (Gartenstadt) – Teil 2 (Dr. Gabriele Schluttig)

von zeitenleser

Von den 78 Straßen und Plätzen der Stadt Lauta (ohne Laubusch, Torno und Leippe) gehören 22 Straßen und Plätze nach Lauta Nord, in die Gartenstadt Lauta. Im zweiten Teil der Nachforschungen zu den Namensgebungen werden diese weiter in ihrer alphabetischen Reihenfolge betrachtet.

 

Karl-Marx-Straße

Diese Straße erhielt bei ihrer Einweihung, in Würdigung eines für den Aufbau des Aluminiumwerkes Verantwortlichen, den Namen „Dionstraße“.

Jacob Dion (persönliche Daten nicht bekannt) war Chefingenieur oder Oberingenieur aller vier Elektronwerke der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron AG. Er wirkte bei der Errichtung von Phosphat- und Leichtmetall-Produktionsstätten (Lautawerk) mit. Gemeinsam mit Dr. Pistor, Vorstandsmitglied der Chemischen Fabrik Griesheim, leitete er den Bau des Aluminiumwerkes. Nach beiden Männern wurden Straßen benannt.

In dieser Straße begann 1925 der Bau einer katholischen Kirche. Gegenüber der Kirche wurde ein Ledigenwohnheim für Angestellte errichtet. Seit 1948 wird dieses Gebäude als Alten- und Pflegeheim genutzt.

Lautawerk – Angestelltenheim (Foto; Archiv Dr. Gabriele Schluttig)

 

Lautawerk – Katholische Kirche (Foto; Archiv Dr. Gabriele Schluttig)

1933 erfolgte die Umbenennung in „Hermann-Göring-Straße“. Diesen Namen behielt die Straße während der ganzen Zeit des Nationalsozialismus.

Hermann Wilhelm Göring (12.1.1893 – 15.10.1946) war ab 1933 Ministerpräsident Preußens. Er war verantwortlich für die Gründung der Gestapo, die Errichtung von Konzentrationslagern und Beauftragter der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“. Im Nürnberger Prozess wurde er als einer der Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilt, der Vollstreckung entzog er sich allerdings durch Selbstmord.

1945 erfolgte die Umbenennung der Straße in „Karl-Marx-Straße“.

Karl Marx (5.5.1818 – 14.3.1883) war der Protagonist der Arbeiterbewegung und Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft. Zusammen mit Friedrich Engels war er der einflussreichste Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus und hat die politischen, ökonomischen und kulturellen Verhältnisse in der Welt des 19. und 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusst. In der DDR wurde Karl Marx zu einer politischen und weltanschaulichen Leitfigur. Seine Hauptwerke sind „Das Kapital Band I, II, III (unvollendet)“ und „Das Kommunistische Manifest“

Kurze Straße

Die wirklich kurze Straße zwischen Parkstraße und Am Ring (heutige Namen) hat schon immer diesen Namen geführt. Es gab zu keiner Zeit eine Umbenennung.

Lausitzer Straße

Ob es die Lausitzer Straße schon in der Gründungszeit der Gartenstadt gab, kann nicht belegt werden – es ist für diese Straße kein Name für die Zeit vor 1933 bekannt. Erst in der Epoche von 1933 bis 1945 erhielt die Straße den Namen „Egerländer Straße“.

Das Egerland ist eine Region im Westen des heutigen Tschechiens. Bis zur Vertreibung in den Jahren 1945/46 lebten hier Deutsche. Es war sicherlich eine typische Bezeichnung der nationalsozialistischen Zeit, denn nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in das Sudetenland (1.10.1938) wurde das Egerland ein Bestandteil des Deutschen Reiches.

Im Juli 1945 erfolgte die Umbenennung in „Lausitzer Straße“. Lautawerk gehört in die Region der Niederlausitz und vielleicht wollten die Stadtväter eine regional-typische Namensgebung der früheren Bezeichnung entgegensetzen.

Ludwig-Jahn-Straße

Diese Straße verläuft von der heutigen Karl-Marx-Straße zur Parkstraße. Da sie ebenfalls den Markt abgrenzt, besteht die Vermutung, dass sie sowohl in der Zeit vor 1933 und auch von 1933 bis 1945 ebenfalls „Am Markt“ hieß. Erst nach 1945 erhielt sie den Namen „Ludwig-Jahn-Straße“.

Johann Friedrich Ludwig Christoph Jahn (11.8.1778 – 15.10.1852) war Pädagoge und der Begründer der deutschen Turnbewegung – im Volksmund wird er auch „Turnvater Jahn“ genannt.

Die ursprüngliche Zielsetzung dieser Bewegung war es, die Jugend durch Körperertüchtigung mittels turnerischer Leibesübungen auf den Kampf gegen die napoleonische Besetzung und für die Rettung Preußens und Deutschlands vorzubereiten. Später wurde das Turnen zu einem Massenphänomen.

Nordstraße

Diese Straße gehört wohl zu den wichtigsten Straßen der Gartenstadt. Hier entstanden im Jahr 1919 massive Häuser vor allem für leitende Angestellte sowie Villen für Direktoren und Hauptingenieure.

Lautawerk – Pistorstraße (Foto; Archiv Dr. Gabriele Schluttig)

 

Diese Villen lagen in ruhiger Lage an einem Waldrand, der zu einem späteren Zeitpunkt in den heutigen Park umgestaltet wurde, da die ursprüngliche Planung zur Ausdehnung der Gartenstadt aufgegeben worden war (vermutlich Kostengründe oder auch der unsichere (sumpfiges Gelände) Baugrund).

Lautawerk – Direktorvilla (Foto; Archiv Dr. Gabriele Schluttig)

Neben der evangelischen Kirche, die 1924 eingeweiht wurde, entstand das Pfarrhaus. Die Straße wurde „Pistorstraße“ benannt.

Gustav Adolf Pistor (13.7.1872 – 29.3.1960) war Chemiker bei der Chemischen Fabrik Griesheim, später Direktor und Vorstandsmitglied und nach dem Anschluss der Firma an die I.G. Farben Aufsichtsratsmitglied. Er gehörte zusammen mit Theodor Plieninger („Plieningerplatz“) und Alfred Merton („Mertonstraße“)  auch dem Aufsichtsrat der VAW an. Ab 1952 war er Aufsichtsratsmitglied der Farbwerke Hoechst AG.

In der Zeit von 1933 bis 1945 erfolgte eine Umbenennung in „Richthofenstraße“.

Freiherr Manfred Albrecht von Richthofen (2.5.1892 – 21.4.1918) war einer der erfolgreichsten Jagdflieger im 1. Weltkrieg. Da er meist in rot angestrichenen Flugzeugen flog, erhielt er den Beinamen „Der Rote Baron“.

Wie die Namen von Immelmann („Immelmannplatz“) und Boelcke („Boelkestraße“) wollte man in dieser Epoche die Bedeutung des Aluminiumwerkes für das Flugwesen demonstrieren.

Im Juli 1945 erhielt die Straße am nördlichen Rand von Lautawerk den auf deren Lage bezogenen Namen „Nordstraße“.

Lautawerk – Nordstraße (Foto; Archiv Dr. Gabriele Schluttig)

 

Parkstraße

Am östlichen Rand von Lautawerk führte eine Straße zum Nachbarort Tätschwitz. Folgerichtig erhielt diese Straße den traditionellen Namen „Tätschwitzerstraße“.

Doch dieser slawische Ortsname passte nicht in die nationalsozialistische Zeit (1933 – 1945). In einer Umbenennungswelle erhielt das Dorf ab 1937 den Namen Vogelhain, abgeleitet vom sorbischen Wort für „Vogel“ („ptac“). Von diesem Wort stammt wohl der ursprüngliche Name des Dorfes ab.

Folgerichtig wurde in Lautawerk die „Tätschwitzerstraße“ in „Vogelhainerstraße“ umbenannt. Nach 1945 verschwanden die neuen Bezeichnungen und die eigentlichen Namen kehrten zurück. Allerdings gab es die Verbindungsstraße zwischen Lautawerk und Tätschwitz nun nicht mehr – die Grube Erika hatte sich zwischen diesen Ortschaften ausgebreitet. Die Straße war nun eine Sackgasse, die den Stadtpark von Lautawerk im Osten begrenzte. Also wurde sie umbenannt in „Parkstraße“.

Lautawerk – Tätschwitzerstraße (Foto; Archiv Dr. Gabriele Schluttig)

 

Röntgenplatz

In der Gründungsphase von Lautawerk war es typisch, dass Straßen und Plätze die Namen von Wissenschaftlern und Unternehmern, die eine Bedeutung für das Aluminiumwerkes hatten, erhielten. Dieser Platz wurde „Mertonstraße“ genannt.

Welcher der beiden Merton-Persönlichkeiten als Grundlage für diese Straßenbenennung gewählt wurde, ist leider nicht bekannt. Wilhelm Merton (14.5.1848 – 15.12.1916) war ein bedeutender Unternehmer. Alfred Merton, sein Sohn (25.6.1878 – 4.4.1954) war ebenfalls Unternehmer. Wilhelm Merton gründete die Metallgesellschaft, die sich bis zum Ersten Weltkrieg zu einem weltweit tätigen Konzern mit den Schwerpunkten Rohstoffhandel und Bergbau etablierte und danach als „Metallurgische Gesellschaft für den Anlagenbau zur Aufbereitung von Erzen und zur Gewinnung von enthaltenen Nichteisenmetallen“ agierte. Drei Aluminiumwerke wurden aufgebaut, darunter die „Griesheim Elektron“. Nach dem Tod Wilhelm Mertons wurde sein ältester Sohn Alfred Aufsichtsratsvorsitzender der Metallgesellschaft.

Lautawerk – Mertonstraße (Postkarte; Archiv Dr. Gabriele Schluttig)

 

Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde Alfred Merton von den Nationalsozialisten aus allen öffentlichen Ämtern vertrieben. Die Straße führte in der Zeit von 1933 bis 1945 den Namen „Moltke-Platz“. Auch bei dieser Namensgebung ist nicht ganz eindeutig, welcher Moltke gemeint war, denn dem Adelsgeschlecht der Moltkes entstammten zwei preußische Generalstabchefs. Helmuth Graf von Moltke (1800 – 1891) und Helmuth von Moltke (1848 – 1916), genannt „Moltke der Jüngere“. Während der Ältere im Krieg gegen Frankreich von 1870/71 legendären Ruhm errungen hatte, war der Jüngere im Sommer 1914 der wohl wichtigste Verantwortliche, der den Krieg forderte.

Im Juli 1945 erhielt der Platz den Namen „Röntgenplatz“.

Von der „Conrad-Blenkle-Straße“ gehen.drei Plätze ab:  der „Theunerplatz“, der „Constantinplatz“ und zwischen beiden der „Röntgenplatz“. Warum sich die damaligen Stadtväter  für diese Namensgebung entschieden, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Es erscheint zumindest ungewöhnlich, dass dieser dritte Platz nach einem Wissenschaftler benannt wurde, zu dem Lautawerk wenig Beziehungen hatte, während die anderen beiden Plätze mit ihren Namen Lautawerker Bürger ehren, die in der Zeit des Nationalsozialismus umgebracht wurden. Wilhelm Conrad Röntgen (27.3.1845 – 10.2.1923) war ein Physiker. Er entdeckte die nach ihm benannten Röntgenstrahlen und erhielt dafür den ersten Nobelpreis für Physik.

Rosa-Luxemburg-Straße

Clemens Simon, Chefarchitekt bei „Griesheim Elektron“, legte 1917 zwei Entwürfe für einzelne Gebäude und Anlagen vor und war in dieser Funktion verantwortlich für das Projekt Siedlung Lautawerk. Seinen Namen trägt nach Fertigstellung der Wohnsiedlung Nord die „Brüder-Simon-Straße“.

Clemens Anton Simon (31.12.1879 – 8.3.1941) entwarf nicht nur die „Gartenstadt Nord“, sondern lieferte auch die Entwürfe für die Anlagen des Kraftwerkes und Aluminiumwerkes.

Die Mitwirkung seines Bruders, Stephan, der ebenfalls Architekt war, ist zwar nicht eindeutig belegt; trotzdem wurde die Straße nach beiden Brüdern benannt.

Als in der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 die Luftwaffe aufgestellt wurde, erhielten die ersten Staffeln die Namen „Immelmann“, „Richthofen“ und „Boelke“. Mit der Umbenennung der „Brüder-Simon-Straße“ in „Boelkestraße“ wurde auch in Lautawerk eine Tradition fortgesetzt, welche die Kampfflieger des 1. Weltkrieges ehren sollte.

Oswald Boelcke (19.5.1891 – 28.10.1916) gehörte neben Immelmann und Richthofen zu den bekanntesten Jagdfliegern und Ausbildern dieser Zeit. In diesen Funktionen entwickelte er Einsatzgrundsätze für den Luftkampf, insbesondere für das Fliegen in engen Formationen. Auch er starb mit 25 Jahren während eine Luftkampfes.

Im Juli 1945 wurde die Straße umbenannt in „Rosa-Luxemburg-Straße“.

Rosa Luxemburg (5.3.1871 – 15.1.1919) war eine der einflussreichsten Frauen in der Geschichte Europas. Sie war Mitbegründerin des „Spartakusbundes“, später der SPD, die zu dieser Zeit innerhalb der Arbeiterbewegung als fortschrittlichste sozialistische Partei Europas galt. Rosa Luxemburg war an der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands beteiligt. 1919 wurde sie ermordet.

Fortsetzung folgt

Dr. Gabriele Schluttig