Straßennamen von Lauta Nord (Gartenstadt) – Teil 1 (Dr. Gabriele Schluttig)

von zeitenleser

Etwa in der Epoche des Mittelalters wurde begonnen, in größer werdenden Orten, den Straßen und Plätzen Namen zu geben. Diese Namen bezogen sich meist auf die dort lebenden Bewohner, ihre Berufe oder es erfolgte eine Namensgebung nach Heiligen oder wichtigen Persönlichkeiten.

1917 beginnt der Aufbau des Aluminium- und Kraftwerkes und verbunden damit entsteht eine Wohnsiedlung, die den Namen »Lautawerk« erhält. Ab 1918 entstehen zunächst nördlich des Werksgeländes Werkswohnungen für Arbeiter und Angestellte sowie Villen für Direktoren und Hauptingenieure. Der Architekt Clemens Simon legte zwei Entwürfe vor, die für ca. 2.150 Familien den Bau von Wohnungen vorsahen. Nicht alles wurde verwirklicht, aber bis zum Jahr 1931 entstand eine Stadt, in der neben Siedlungshäusern und Villen stadttypische Anlagen und gemeinnützige Gebäude errichtet worden waren. Dies waren Ledigenwohnheime, eine evangelische und eine katholische Kirche nebst Pfarrhäusern, eine Volksschule, eine Großbäckerei, ein Einkaufszentrum, eine Apotheke und ein Postamt und auch eine Gaststätte mit Kino.

Das Besondere an Lautawerk war, dass der Ort nach Architekturplänen entstand und daher keine über längere Zeiträume gewachsene Stadt war. Dementsprechend wurden die Namen der Straßen und Plätze bewusst gewählt. Dies bedeutet, dass die Namensgebung nach zeit- oder ortstypischen Bedeutungen erfolgte. Im Fall von Lautawerk heißt das, dass die Bedeutung des Aufbaus des Aluminiumwerkes dominierend war und eine Reihe von Straßen ihre Namen nach bekannten Chemikern und vor allem nach Chemikern, die für die VAW wichtig waren (Specketer, Pistor), erhielten. Natürlich gab es auch traditionelle Namensgebungen wie »Tätschwitzerstraße« (Straße zum Nachbarort), »Am Anger«, »Am Markt«.

Bezeichnend ist auch, dass nach der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus im Jahr 1933 Umbenennungen stattfanden und Namen auftauchten, die für diese Epoche typisch waren (Hermann Göring, Moltke, Roon) und, vielleicht in Verbindung mit der Bedeutung des Aluminiumwerkes für die Flugzeugindustrie, Namen von damals allgemein bekannten Jagdfliegern (Boelke, Immelmann).

Das Ende des Weltkrieges 1945 war auch für Lautawerk verbunden mit erneuten Umbenennungen von Straßen. Jetzt hießen diese nach Rosa Luxemburg, Otto Wels, Karl Marx oder zur Ehrung von örtlichen Opfern des Faschismus nach Fritz Constantin und Arthur Theuner.

Die Straßennamen von Lauta sind nicht nur von historischem Interesse, sie können auch den heutigen Bewohnern zeigen, welche Vergangenheit unsere Stadt hat. Die Stadt Lauta hat (ohne Laubusch, Torno und Leippe) 78 Straßen und Plätze.

Davon gehören 22 Straßen und Plätze nach Lauta Nord, in die Gartenstadt Lauta, welche in diesem ersten Teil der Nachforschungen zu den Namensgebungen unserer Straßen betrachtet werden. Dies geschieht hier unabhängig von der Bedeutung oder Länge einer Straße, sondern ausschließlich in alphabetischer Reihenfolge.

Am Anger

Dieser Straßenname hat eine traditionelle Bedeutung. In sehr vielen Orten Deutschlands gibt es einen Anger. Die typische Gestaltung eines Angers wurde auch für Lautawerk gewählt.

Lautawerk – Am Anger (Postkarte; Archiv Dr. Gabriele Schluttig)

Die Grünfläche in der Mitte der Anlage wird auf beiden Seiten von Kastanien eingerahmt. Rechts und links der beiden Straßenzüge wurden Reihenhäuser gebaut. Der Blick geht auf die zentral angeordnete evangelische Kirche.

Zu der für die damalige Zeit schon recht fortschrittlichen Innenausstattung der Häuser gehörten neben den Zimmern auch Küche und Bad. Dazu kamen ein Garten und ein Stall für eine Kleintierhaltung. Die Namensgebung »Am Anger« hat sich durch alle Zeiten, von der Gründung bis heute, erhalten.

Am Markt

Die der Kirche gegenüber liegende Seite ist begrenzt durch einen Torbogen, durch den man auf den Markt kommt. Auch die kurze Straße zum Marktplatz erhielt bereits 1919 den Namen »Am Markt«.

Lautawerk (Postkarte; Archiv Dr. Gabriele Schluttig)

Der Marktplatz selbst war auf einer Seite bebaut mit einer Großbäckerei, die am 1.7.1919 ihren Betrieb aufnahm. Auf der anderen Seite – parallel dazu – entstand ein Gebäude, die Großmetzgerei, die allerdings erst später ihren Betrieb aufnahm. In der DDR waren in beiden Gebäuden noch aktive Verkaufsstellen. Beide Häuser stehen unter Denkmalsschutz, trotzdem wurde die Großmetzgerei abgerissen, die Großbäckerei steht leer. Für das heutige Angebot eines Supermarktes sind die Verkaufsstätten zu klein.

Lautawerk – Kolonie u.a. (Postkarte; Archiv Dr. Gabriele Schluttig)

Am Ring

Ausgehend von der Großbäckerei gelangte man über die »Marktstraße« (heute »Wöhlerstraße«) zum Marktplatz. Dieser Platz hat hinsichtlich seiner Namensgebung eine wechselhafte Geschichte. 1919 wurde er bezeichnet als »Marktplatz«.

Bereits im Jahr 1920 wurde er umbenannt in »Plieninger Platz«. Theodor Plieninger (10.4.1856 – 13.1.1930) war ein Chemieindustrieller. Er gehörte zum Vorstand der Chemischen Fabrik Griesheim, war später Generaldirektor der Griesheim-Elektron AG und gehörte zum Aufsichtsrat der I.G. Farben. Für seine Verdienste, die Aluminiumindustrie auch in Lautawerk zu etablieren, erhielt der Platz seinen Namen.

Vermutlich 1933 erfolgte eine weitere Umbenennung, die dem damaligen Zeitgeist mehr entsprach – »Immelmann Platz«. Max Immelmann (21.9.1890 – 18.6.1916) war ein deutscher Luftpilot, ein Kampfflieger, der sich bereits 1914 freiwillig zur Ausbildung als Militärflieger meldete. Er starb mit 25 Jahren bei einem Kampfeinsatz in Flandern.

Im Juli 1945 entschied sich Lautawerk, dem Platz wieder seinen ursprünglichen Namen »Am Ring«, zu geben.

Am Schleichgraben

Diese Straße, besser diesen Weg gibt es seit der jüngsten Vergangenheit. Es sind keine früheren Namensgebungen bekannt.

Conrad-Blenkle-Straße

Auch diese Straße erhielt bei ihrer Einweihung einen anderen Namen – »Specketerstraße«, mit dem ein Chemiker geehrt werden sollte, der für das Lautawerk und die Aluminiumherstellung von Bedeutung war.

Heinrich Specketer (23.2.1873 – 22.2.1933) war als Chemiker, später als Vorstandsmitglied für die Chemische Fabrik Griesheim Elektron AG tätig. Seine wissenschaftliche Leistung besteht in der Verbesserung der Aluminiumschmelzflusselektrolyse, die dazu beitrug, dass Deutschland unabhängig von ausländischen Rohstoffen wurde. Auf diese Weise wirkte Specketer an der Errichtung des Lautawerks mit.

Aber die Epoche von 1933 bis 1945 überging auch diesen Straßennamen nicht und es kam zu einer Umbenennung in »Schlieffenstraße«. Alfred Graf von Schlieffen (28.2.1833 – 4.1.1913), war der Sohn eines pommerschen Adelsgeschlechtes und machte Karriere in der preußischen Armee. Dass in der Zeit des Nationalsozialismus sein Name für einen Straßenzug gewählt wurde, ist sicherlich in Schlieffens Überzeugung begründet, dass der nächste Krieg kurz sein würde, wenn er nach einer von ihm erarbeiteten Strategie geführt werden würde. Dieser »Schlieffen-Plan« sah ein offensives Vorgehen zur Führung eines Zweifrontenkrieges vor und sollte damit eine Basis für die Überlegenheit des Angriffs darstellen.

Im Juli 1945 erhielt die Straße einen neuen Namen nach dem sozialdemokratischen Politiker Otto-Wels. Otto Wels (15.9.1873 – 16.9.1939) war ein sozialdemokratischer Politiker. Er war Parteivorsitzender der SPD und Mitglied im Reichstag. Innerhalb der Partei koordinierte er den Widerstand gegen das Nazi-Regime. 1933 erkannte die nationalsozialistische Regierung Otto Wels die deutsche Staatsangehörigkeit ab und er baute im Ausland eine Exilorganisation der SPD auf.

Wann in der DDR eine weitere Umbenennung stattfand, ist leider nicht dokumentiert. Heute heißt die Straße »Conrad-Blenkle-Straße«. Conrad Blenkle (28.12.1901 – 20.1.1943) war als Mitglied der KPD aktiv im Widerstand gegen da nationalsozialistische System. Wegen Vorbereitung zum Hochverrat wurde er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in Berlin hingerichtet.

Constantinplatz

Welchen Namen dieser Platz vor 1933 hatte, ist leider nicht belegt. In der Zeit von 1933 bis 1945 hieß er »Bismarckplatz«.

Otto von Bismarck (1.4.1815 – 30.7.1898) war einer der bedeutendsten deutschen Politiker des 19. Jahrhunderts. Als erster Reichskanzler hatte er ausschlaggebend die Gründung des Deutschen Reiches vorangetrieben. Einerseits erlangte Preußen durch seine von »Blut und Eisen« geprägte Kriegspolitik eine Vormachtstellung in Kontinental-Europa. Andererseits steht sein Name auch für soziale Reformen (er führte die Kranken- und Unfallversicherung im Deutschen Reich ein).

Die Umbenennung des Platzes erfolgte im Juli 1945. Er wurde zum »Constantinplatz«. Zu dieser Änderung hatte sich Lautawerk entschlossen, um an Friedrich (Fritz) Constantin zu erinnern, der seit Anfang der 20er Jahre mit seiner Familie in Lautawerk wohnte, verantwortlicher Leiter für den Aufbau der befindlichen Tonerde- und Siluminfabrik war und 1944 im Konzentrationslager Buchenwald starb.

Straßenschild: der Constantinplatz in Lauta (Foto: Gabriele Schluttig)

Friedrich-Ebert-Straße

Es kann vermutet werden, dass bei der Entstehung dieser Straße die Umgebung einen Einfluss auf die Namensgebung hatte. Nicht nur hier, sondern in der ganzen Gegend gibt es viele Kiefern und so wurde die Verbindungstraße zwischen Nordstraße und Straße der Freundschaft (heutige Namen) »Kiefernallee« genannt.

1933 erfolgte eine Umbenennung in »Wilhelm-Gustloff-Straße«. Dieser Name blieb während der ganzen Zeit des Nationalsozialismus. Wilhelm Gustloff (30.1.1895 – 4.2.1936) war Landesgruppenleiter der NSDAP Auslandsorganisation in der Schweiz. Er warb unter den Auslandsdeutschen für diese Partei und fand auch unter den Schweizern Sympathisanten. 1936 wurde er von einem jüdischen Studenten erschossen. Für die Nationalsozialisten wurde er damit zu einem »Blutzeugen« ihrer Bewegung.

Im Juli 1945 wurde die Straße in »Friedrich-Ebert-Straße« umbenannt. Friedrich Ebert (4.2.1871 – 28.2.1925) war Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und bis zu seinem Tode erster, demokratisch gewählter Reichspräsident der Weimarer Republik. Während des Ersten Weltkriegs befürwortete er die Landesverteidigung und setzte sich zusammen mit der Mehrheit der SPD für den Zusammenhalt aller Parteien für die Dauer des Krieges ein (»Burgfriedenspolitik«), da er sich von dieser Strategie eine innenpolitische Reform zugunsten der Arbeiterbewegung versprach.

 

Fortsetzung folgt!

 

Dr. Gabriele Schluttig