Vergessene Grabstätten: Gerhard Pilz (Dr. Gabriele Schluttig)

von zeitenleser

Grabstein von Gerhard Pilz auf deme Friedhof in Lauta-Stadt

Es lebt heute keine Familie Pilz mehr in Lauta. Aber es gibt auf dem Friedhof eine Grabstätte mit einem Grabstein, der an Gerhard Pilz erinnern soll. Wer war Gerhard Pilz und warum ist es wichtig, durch einen Grabstein auch heute noch daran erinnert zu werden, wie kurz ein Leben sein kann?

Dieser Grabstein hat, obwohl er in Form des Wehrmachtskreuzes geschaffen wurde und einem Offizier der Wehrmacht gewidmet ist, die Zeit der DDR überdauert. Auch seine normale Liegezeit ist weit überschritten.

Grabstein von Gerhard Pilz auf dem Friedhof in Lauta-Stadt (2)

Seine Mutter zog nach Lautawerk, der Sohn wuchs bei der Großmutter auf. Später heiratete sie den Ankerwickler Georg Kleinstück. Sie wohnten in der heutigen August-Bebel-Straße (damals Adolf-Hitler-Straße).

Nach Abschluss der Schule begann Gerhard Pilz eine Lehre im Aluminiumwerk und beendete diese mit dem Berufsabschluss Eisendreher. Sein späterer Schwiegervater, August Hamann war sein Lehrmeister. Er wollte jedoch unbedingt Flugzeugführer werden und aus diesem Grund ging er 1934 zur Wehrmacht. Er war gesundheitlich geeignet und bestand alle Prüfungen. In Schleißheim b. München wurde er zum Flieger und später zum Fluglehrer ausgebildet. Für seine ausgezeichneten fliegerischen Leistungen erhielt er am 2.6.1944 die Auszeichnung des Großen Deutschen Segelfliegerabzeichens.

Gerhard Pilz (helle Kappe) mit Flugschülern

Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges heiratete er Margarete Hamann, das Ehepaar bekam drei Söhne.

Hochzeit Gerhard Pilz und Margarete Hamann

Gerhard Pilz mit Söhnen

Gerhard Pilz war musikalisch sehr begabt. Er lernte die Konzert-Zither spielen. Zeitzeugen waren der Meinung, dass er es auf diesem Instrument zu einer wahren Meisterschaft gebracht hatte. Beruflich gehörte er nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges inzwischen einer Jagdstaffel an und die Familie war, abhängig davon, wo die Heeresleitung seine Jagdstaffel benötigte, ständig unterwegs.

Vor dem Flug

Am 26. Juni 1944 ist Gerhard Pilz während eines Kampfeinsatzes über Wien abgestürzt. Er war an der Spitze seiner Staffel zur Abwehr eines aus Italien eingeflogenen amerikanischen Bomberverbandes gestartet. Sein Auftrag war, mit seinen Männern feindlichen Jagdschutz zu binden und so seinen Kameraden den Angriff auf die Bomber zu ermöglichen.

Todesmeldung

Seine Einstellung zum möglichen Sterben während des Krieges und dem damit verbundenen Verlust für seine Familie äußerte er in einer durch seine Zeit und seine Erziehung geprägten Weise. Seine Worte zum Tod eines Kameraden waren:

Ungeheuer groß und schwer ist der Verlust, doch er kann sie nicht zerbrechen. Denn in dem Kinde lebt ihr Mann ja weiter. Das ist die Aufgabe, die der Mann seiner Lebenskameradin gestellt hat, sein Kind in seinem Sinne zu einem aufrechten, geraden und edlen Menschen zu erziehen. Die Frau wird an dieser Aufgabe wachsen und aus dieser stummen Verpflichtung Kraft für den Alltag und für die Stunden der Einsamkeit trinken.

Der älteste Sohn von Gerhard Pilz war zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters fünf Jahre alt, er hatte zwei jüngere Geschwister. Persönliche Erinnerungen an seinen Vater hat er kaum, denn dieser war fast ständig im Einsatz. Allerdings blieb ihm die Beerdigung auf dem Lautaer Friedhof im Gedächtnis. Es gab viele Trauergäste, viele in Uniformen, es wurden schneidige Reden gehalten und eine Kapelle spielte „Ich hatt einen Kameraden“.

Seine Frau lebte bis 1956 mit den drei Kindern in der Parkstraße.

Portrait Gerhard Pilz (1916-1944)

Noch heute gibt es die Grabstelle auf dem Friedhof in Lauta und bis heute steht an dieser Stelle das Wehrmachtskreuz mit den Daten von Gerhard Pilz. Es steht auf einem Friedhof, der nur 100 Jahre alt ist und trotzdem von der wechselhaften Geschichte des Ortes Lautawerk/Lauta Zeugnis ablegt.

Das Grabmal von Gerhard Pilz steht auf diesem Friedhof zusammen mit anderen Mahnmalen, die erinnern sollen an die Toten des Kapp Putsches, an die Toten aus Polen, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, an Sowjetbürger, an jüdische Mitbürger, Kinder und alte Menschen, die während des Dritten Reiches nach Lautawerk verschleppt und hier ermordet wurden. Sie alle sollen erinnern an Menschen, die in den Zeiten der Kriege umgekommen sind.

Es bleibt zu hoffen, dass die Namen der Toten von allen als Mahnung vor dem Wahnsinn eines Krieges verstanden werden.

Ich danke Herrn Walter Pilz, dem ältesten Sohn von Gerhard Pilz für die Überlassung von persönlichen Fotos und Dokumenten. Und ich danke allen Zeitzeugen in Lauta, die mich auf dieses Grabmal aufmerksam gemacht haben und mir ihre Erinnerungen mitgeteilt haben.

Dr. Gabriele Schluttig