Fragmente eines Lebens: die autobiografischen Erinnerungsbücher des Uwe Mahrholz – Teil 1 (Michael Peter Schadow)

von zeitenleser

Ein Mann springt auf einen fahrenden Güterzug. Behutsam hat er sich zuvor angenähert, denn der stählerne Koloss schiebt sich nur an ganz bestimmten Stellen langsam genug dafür durch die graue Landschaft. Außerdem sind da noch die Wächter, die Transportpolizisten, welche mit geladenen Waffen zur Sicherung der wertvollen Ladung postiert sind.
Als der Familienvater nach einem beherzten Sprung auf einer schmalen Plattform des Zuges steht, öffnet er vorsichtig die Ladeluke eines Waggons. Sofort rieselt und kullert es auf die Gleise – das schwarze Gold: frisch gepresste Kohlebriketts, direkt aus der Fabrik. Gekonnt verlässt der flinke Gast den Güterzug mit einem Sprung auf den Bahndamm. Nun kann es beginnen, das Kohlelesen.

Buchcover Uwe Mahrholz: Ich bin da! (Foto: M. P. Schadow, mit freundlicher Genehmigung von U. Mahrholz)

Buchcover Uwe Mahrholz: Ich bin da! (Foto: M. P. Schadow, mit freundlicher Genehmigung von U. Mahrholz)


Es sind Szenen wie diese, die uns der Autor und Versicherungsmakler Uwe Mahrholz aus dem brandenburgischen Hosena in seinem autobiografischen Erinnerungsband mit dem Titel »Ich bin da!« vor Augen führt. Sie beleuchten eine Zeit, in der Kohlebriketts ein kostbares Gut waren. So kostbar, dass der Vater des Erzählers sein Leben einsetzt, um der Familie einen geheizten Badeofen und damit ein warmes Bad ermöglichen zu können.

Der Band umfasst die unmittelbare Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die Jahre 1949 bis 1969. Der Ort, um den sich die vielen Anekdoten und Geschichten des Buches drehen, ist Lautawerk.

Dort wuchs der am 6. Oktober 1949 in Beuel am Rhein geborene Autor, dessen Eltern sich in den Wirren des Zweiten Weltkriegs kennenlernten, auf. Dort besuchte er die »Nord-« sowie die »Südschule«. Dort erlebte er den Alltag, in einer Zeit ohne Internet, Smartphones und Tablets, aber dafür mit echter materieller Not.
Das 160 Seiten umfassende Buch gliedert sich in fünf Abschnitte, die den klassischen Topoi der Autobiografie folgen: Geburt, Elternhaus und Geschwister, frühe Kindheit und Schulzeit. Die Schulzeit wiederum zerfällt in zwei Abschnitte, den Erlebnissen aus der Zeit an der »Nord-« oder »Karl-Marx-Schule« bzw. denen an der »Südschule« (»Karl-Liebknecht-Schule«). Den größten Teil des Buches bilden Geschichten und Anekdoten aus der Zeit des Erzählers an der »Karl-Liebknecht-Schule«.
Dabei sind interessante Einblicke in die damalige regionale Alltagswelt der DDR entstanden, in denen sich etwa an vielen Stellen die Epoche des Kalten Krieges spiegelt. So etwa, wenn sich der Erzähler an den 12. April 1961 erinnert: An jenem denkwürdigen Tag fährt beispielsweise ein mit Lautsprechern bestückter Wagen auf den Schulhof der »Karl-Liebknecht-Schule«. Nach einem lauten Arbeiterlied folgt dort die feierliche Verkündigung, wonach der »Sowjetbürger« Juri Gagarin zu einem Weltraumflug um die Erde gestartet und wieder wohl behalten in der kasachischen Steppe gelandet sei. Der erste Mensch im Weltraum – ein Propagandasieg der Sowjets im Kalten Krieg mit dem Westen, der auch in Lauta ausgekostet wird.
Aus den vielen kleinen Geschichten des Buches wird ebenfalls deutlich, wie sehr das autobiografische Gedächtnis mit fragmentarischen Erinnerungsepisoden und Anekdoten arbeitet. Diese sind in Raum und Zeit verankert sowie zumeist emotional aufgeladen, was man beim Lesen des Textes spürt. Die Funktion dieser Art von Gedächtnisleistung ist klar: Sie bestimmt das Selbstkonzept und damit die Identität des sich Erinnernden. So sind die Fähigkeit zur Erinnerung und die Erinnerungsarbeit zentrale Merkmale des Menschen schlechthin.
Natürlich können Erinnerungen auch trügerisch sein, gehören sie doch zum »Unzuverlässigsten«, das es gibt, sind »flüchtig und labil« (Aleida Assmann). Dadurch ist es unumgänglich, persönliche Erinnerungen durch Vernetzung und Vergleich mit anderen Quellen zu verifizieren.
Den Anspruch einer direkten Abbildung der Vergangenheit durch persönliche Erinnerungen    erhebt der Autor auch gar nicht, denn sein Buch richtet sich weniger an den Regionalhistoriker als vielmehr an jüngere Mitglieder seiner Familie, an die Kinder und Enkelkinder. Und dennoch ist die Kindheit des Uwe Mahrholz, so wie er sie in Lautawerk erlebt und in »Ich bin da!« niedergeschrieben hat, auch für Menschen mit einem generellen Interesse an der Geschichte unserer Stadt wichtig. Warum? Weil hieraus exemplarisch deutlich wird, wie der Alltag der Lautawerker vor einem halben Jahrhundert in etwa aussah, wie sie lebten, lernten, arbeiteten, feierten, liebten… Somit kann das Buch allen an der Geschichte Lautas Interessierten uneingeschränkt empfohlen werden.

Der Autor Uwe Mahrholz (rechts) im Gespräch mit seinem ehemaligen Lehrer Dietmar Neuhäuser, (Foto: privat, mit freundlicher Genehmigung von U. Mahrholz)

Der Autor Uwe Mahrholz (rechts) im Gespräch mit seinem ehemaligen Lehrer Dietmar Neuhäuser, (Foto: privat, mit freundlicher Genehmigung von U. Mahrholz)

Das Buch ist im Berliner epubli-Verlag (www.epubli.de) erschienen und kostet 16,99 Euro.

Mahrholz, Uwe: Ich bin da! Meine Kindheit, Berlin 2015.

Und das ist noch nicht alles, denn Uwe Mahrholz hat ein weiteres autobiografisches Buch veröffentlicht, das an »Ich bin da!« anknüpft und den Leser bis an die unmittelbare Gegenwart heranführt. Diesem Band widme ich demnächst hier in eine weitere Rezension!

Michael Peter Schadow