Der heilige Laurentius und das Wappen der Stadt Lauta – Bemerkungen zum Laurentiustag 2016 (Michael Peter Schadow)

von zeitenleser

Noch heute finden sich Spuren der Märtyrer des frühen Christentums – und das nicht nur in Kirchen. Eine dieser Spuren führt uns zum Wappen der Stadt Lauta: Hier ist ebenfalls ein Märtyrer dargestellt, der gleichsam als Heiliger verehrt wird. Gemeint ist der heilige Laurentius von Rom (?-10.8.258), der auf einer Glocke dargestellt ist. Was wissen wir aber über den heiligen Laurentius? Was bedeutet diese Glocke? Und warum taucht Laurentius im Wappen unserer Stadt auf?

Von Märtyrern und Heiligen des Christentums
Es gibt Menschen, die bereit sind, für ihren Glauben oder ihre Überzeugung zu sterben. Verfolgung und persönliches Leiden gehen diesem Sterben häufig voraus. Personen, auf die dies zutrifft, werden Märtyrer genannt. (1)

Sprachgeschichtlich betrachtet leitet sich der heute noch verwendete Begriff des »Märtyrers« vom altgriechischen Begriff für »Blutzeuge« ab, auf dem weiterhin die lateinischen Begriffe »martyrium« und »martyr« beruhen. Im Mittelhochdeutschen schließlich (8. Jahrhundert) finden sich die Wörter »marter(e)« und »martel«, die ebenfalls ‚Blutzeugnis‘ bedeuten. Der religiöse Kontext, in dem das Wort lange Zeit verwendet wurde, ist damit der des christlichen Mittelalters. (2)

So reflektierten bereits frühchristliche Autoren und Kirchenväter (Stichwort: Patristik) in ihren Schriften über den Sinn des Märtyrertodes. (3) Den Grund dafür boten nicht zuletzt die Christenverfolgungen im römischen Reich, welche im 3. Jahrhundert zeitweise auf das gesamte Reichgebiet ausgeweitet wurden. Aus theologischer Perspektive sollten die christlichen Märtyrer am Ende der Zeit ihren reichen Lohn für die erlittenen Qualen empfangen, womit man dem Märtyrertod eine besondere Sühnekraft bescheinigte. Auch wurde ein solcher Tod »als engste Vereinigung mit Christus, Mitvollzug nicht nur seiner vollkommenen Liebe, sondern auch seines gewaltsamen Kreuzestodes« (4) gedeutet und positiv verklärt. Nach Lesart der frühen Christen gingen die Märtyrer sofort nach ihrem Tod mit Christus in das Paradies ein und erführen so unmittelbar die Macht der Auferstehung.

Die meisten dieser Märtyrer wurden und werden innerhalb der Christenheit als Menschen mit einer besonderen »Glaubenskraft« (5), d.h. als Heilige verehrt. Insbesondere trifft dies auf die katholische Kirche zu. So wird beispielsweise der 1. November in den katholischen Teilen Deutschlands als Feiertag begangen, welcher der Verehrung aller Heiligen (deswegen »Allerheiligen«) gewidmet ist. Zur Praxis der Heiligenverehrung schreibt Erhard Gorys:

Die Heiligen wurden zu nachahmenswerten Vorbildern, man feierte ihre Gedächtnis- bzw. Festtage (Sterbetag oder Tag, an dem man ihre Gebeine barg oder sie an einen anderen, würdigeren Ort überführte), hielt zu ihren Ehren Messen und Predigten, weihte ihnen Kirchen und Altäre, zu ihnen pilgerten die Gläubigen, nahmen an Prozessionen teil. (6)

Was wissen wir aber über den Märtyrer und Heiligen Laurentius?      
Die überlieferte Geschichte des Laurentius ist von zahlreichen Legenden und Ausschmückungen durchzogen, weshalb es nahezu unmöglich ist, sie auf einen »wahren« Kern zu reduzieren.

Bartholomeus Breenbergh [Public domain], via Wikimedia Commons

Das Martyrium des heiligen Laurentius; Bild: Bartholomeus Breenbergh [Public domain], via Wikimedia Commons

Eine Version, und zwar die des Lexikons der Heiligen von Erhard Gorys, lautet folgendermaßen: So soll Laurentius im spanischen Aragon als Sohn des heiligen Orientius und der heiligen Patientia geboren worden sein. Als junger Mann sei er weiterhin Papst Sixtus II. begegnet, als sich dieser auf dem Weg nach Toledo befand. Der Papst habe Laurentius mit nach Rom genommen und in das geistliche Amt eines Archidiakons eingesetzt. Als im Jahre 258 unter Kaiser Valerian eine weitere Welle der Christenverfolgung einsetzte, die sich vor allem gegen kirchliche Würdenträger richtete, sei Sixtus II. am 6.8.258 auf Geheiß des Kaisers mit dem Schwert enthauptet worden. Schließlich habe es danach Streitigkeiten um den Kirchenschatz gegeben, den Valerian für sich beanspruchte. Das Geld aber sei von Laurentius nicht an den Kaiser übergeben, sondern an die Armen verteilt worden, woraufhin ihn Valerian auf einem glühenden Rost zu Tode foltern lassen habe. Noch kurz vor seinem qualvollen Tod soll der nun zum Märtyrer avancierte Laurentius Kraft für scherzende Worte aufgebracht haben. Nach Wikipedia seien seine letzten Worte an den Kaiser gerichtet gewesen: »Du armer Mensch, mir ist dieses Feuer eine Kühle, dir aber bringt es ewige Pein.« (7) Gorys, dem ich bis hierher gefolgt bin, berichtet dagegen, seine letzten Worte habe Laurentius an seinen Henker gerichtet: »,Der Braten ist fertig, nimm ihn nun vom Feuer und iß!‘« (8)

Vorsichtiger drückt sich hingegen Ekkart Sauser aus, der in einem Lexikoneintrag ebenfalls auf den heiligen Laurentius von Rom zu sprechen kommt. Nach Auflistung zentraler Quellen, die uns von Laurentius berichten, kommt er zu dem Schluss:

Obwohl keine genaueren historischen Belege vorlagen, gestaltete die Überlieferung die Passio [d.h. die Leidensgeschichte] des L. im Lauf der Zeit immer weiter aus. Aufgrund der Tatsache der frühen Bezeugung wird man von einem historischen L. ausgehen müssen, dessen Zeugnis tiefen Eindruck bei der römischen Gemeinde hinterlassen hat. (9)

Auch wird hierbei auf die These hingewiesen, dass Laurentius gar nicht mit Papst Sixtus II. in Verbindung stünde, sondern vielmehr erst unter den Christenverfolgungen des Kaisers Diokletian, also um 305, sein Leben verloren habe. (10)

Natürlich sind diese Ausführungen nicht der Weisheit letzter Schluss, aber sie zeigen in knapper Form, auf welch »wackligen Füßen« die Geschichte um die historische Gestalt des Laurentius von Rom steht.

Der heilige Laurentius; Bild: Adam Elsheimer [Public domain], via Wikimedia Commons

Der heilige Laurentius; Bild: Adam Elsheimer [Public domain], via Wikimedia Commons

Gut Bescheid wissen wir dagegen über die Wahrnehmung des heiligen Laurentius durch die Christenheit bis auf den heutigen Tag. So wird der Heilige zumeist mit seinem zentralen Attribut, dem Rost, dargestellt. Oft ist Laurentius dabei auch eine Märtyrerpalme beigegeben. Sie zeichnet innerhalb der christlichen Ikonographie einen Heiligen als Märtyrer aus. Bis heute gilt Laurentius als Patron der Armen, der Bibliothekare, Glasbläser, Köhler oder Bäcker und vieler anderer Berufe, die mit offenen Feuer zu tun haben. Auch ist Laurentius der Patron zahlreicher Städte, darunter Zwenkau in Sachsen, Benneckenstein im Harz und indirekt auch unserer Stadt Lauta in der Niederlausitz.

Was bedeutet die Laurentius-Glocke im Wappen der Stadt Lauta?
Zu den Glocken der Stadt Lauta gibt es eine populäre Sage, die von Erich Schneider aufgezeichnet wurde:

Zwischen Koschen, Tätschwitz und Lauta liegt nahe der Grenze zur Niederlausitz der Koschenberg. Diesen Berg hatten sich in grauen Zeiten seltsame kleine Menschen, die man Lutken nannte, zu ihrem Wohnsitz auserwählt. Sie hatten sich auf seinem Gipfel eine kleine Glocke gegossen, mit der sie zu ihren fröhlichen Festen läuteten. Aber als sich die rundherum wohnenden Sorben, mit denen die Lutken in guter Freundschaft lebten, zum Christentum bekannten, sich im nahen Lauta eine Kirche erbauten und dort auch mit großen Glocken läuteten, da konnten die Lutken den harten Klang nicht ertragen. Sie versuchten daher, ihre Freunde zu überreden, diesen verdrießlichen Gottesglauben wieder fallen zu lassen. Als ihnen das nicht gelang, verließen sie die Oberfläche der Erde und zogen sich in das Innere zurück. Später zeigten sie sich nur noch solchen Menschen, die sie lieb hatten, und erwiesen ihnen manche Wohltat.
Die verlassene Glocke hängten die Lautaer in ihre Kirche. In der Kapelle der Lutken auf dem Koschenberg aber errichteten sie ein Kreuz, und sie wurde für lange Zeit ein Wallfahrtsort. Im Dreißigjährigen Krieg kamen dann einmal die Kroaten auf den Berg. Sie zerstörten und verbrannten die Kapelle. Das soll im Jahre 1633 geschehen sein. Heute zeugt nur noch ein Haufen Steine von jenem Bau. (11)

In vorreformatorischer Zeit muss es also eine Kapelle auf dem Koschenberg, nahe dem heutigen Ort Großkoschen, gegeben haben. (12) Heute gibt es leider keine baulichen Zeugnisse dieser Kapelle mehr. Dafür aber soll die Glocke der Koschenberg-Kapelle nach Lauta-Dorf überführt worden sein, wo sie sich noch heute in einem hölzernen Glockenturm neben der evangelischen Kirche befindet. Eine der beiden Glocken Glockenturm von Lauta-Dorf ist also Laurentius gewidmet. Sie zeigt neben dem Bild des Heiligen, dargestellt mit dem charakteristischen Rost, die Jahreszahl 1512, zusammen mit folgender Inschrift:

»hilf . mir . du . heilcker . sant . laurencivs . ano . m . i . ccccc . xii . jar«

Auf diese Glocke bezieht sich nun das Wappen der Stadt Lauta, womit der heilige Laurentius auf indirektem Wege zum Patron unserer Stadt wurde.

Ein Bild des Wappens der Stadt Lauta finden Sie unter http://www.lauta.de !

Für diesen Artikel verwendete Literatur

(1) Vgl. zu dieser elementaren Begriffsklärung Dudenredaktion (Hg.): Duden. Fremdwörterbuch, 8., neu bearb. u. erw. Aufl., (=Duden, Band 5), Mannheim u.a. 2005, S. 636.

(2) Vgl. u.a. Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache online (Zugriff 22.7.2016).

(3) Vgl. Schockenhoff, Eberhard: Art. Martyrium, II. Lateinisches Mittelalter, in: Lexikon des Mittelalters online (Zugriff 22.7.2016).

(4) O.V.: Art. Martyrium, I. Frühchristliche Zeit, in: Lexikon des Mittelalters online (Zugriff 22.7.2016).

(5) Gorys, Erhard: Lexikon der Heiligen, 3. Aufl., München 1999, S. 9.

(6) Gorys: Lexikon, S. 9.

(7)   Art. Laurentius von Rom, in: http://www.wikipedia.de (Zugriff 19.7.2016).

(8) Gorys: Lexikon, S. 187f.

(9) Sauser, Ekkart: Art. Laurentius von Rom, in: Bautz, Friedrich Wilhelm (Hg.): Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 4, Hamm 1992, Sp. 1252-1254, Sp. 1252 (Veränderungen M.P.S.).

(10) Sauser: Art. Laurentius, Sp. 1253.

(11) Schneider, Erich: Sagen aus Heide und Spreewald. Eine Auswahl, 8., durchges. Aufl., Bautzen 2007, S. 36.

(12) Vgl. ebenso Art. Laurentiuskapelle, in: http://www.presseclub-potsdam.de/Index.php?title=Laurentiuskapelle (Zugriff 2.8.2016).

Michael Peter Schadow